Grenzüberschreitungen
Unsere Aufgabe ist es, Gutes zu tun
| Predigttext | Römer 12,17-21 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | 78647 Trossingen-Schura |
| Datum: | 28.06.2026 |
| Kirchenjahr: | 4. Sonntag nach Trinitatis |
| Autor: | Pfarrer Jonas Keller |
Predigttext: Römer 12, 17-21 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Gut und Böse, Schwarz und Weiß – wir Menschen lieben es, in solchen Kategorien zu denken. Macht es doch Vieles einfacher und manches auch erträglicher. Die größten Geschichten unserer Zeit beruhen auf diesem Muster: Gut gegen Böse.
Der Bösewicht auf der einen Seite, der Held auf der anderen. Dieses Muster füllt Kinosäle weltweit. Auch ich liebe diese Geschichten, diese Inszenierungen, besonders wenn sie noch mit tollen Spezialeffekten daherkommen, im Weltraum spielen und die Bösen die roten Lichtschwerter haben. Star Wars ist ein solches Paradebeispiel: Von Anfang an ist klar, wer der Bösewicht und wer der Gute, der Held der Geschichte, ist. Zumindest auf den ersten Blick. Auch hier zeigt sich nachher:
Der Bösewicht ist eigentlich der Vater des Helden und so böse ist er gar nicht, beziehungsweise er kann gerettet werden, und der wirkliche Bösewicht wird am Ende vernichtet – zumindest so lange, bis es eine weitere Fortsetzung gibt. Der Held wird natürlich auf seinem Abenteuer begleitet und er bekommt dabei auch gute Ratschläge: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Eine dieser Weisheiten, die den Helden und uns davor bewahren wollen, auf die Seite des Bösen abzurutschen. Aber die Welt besteht nicht aus Schwarz und Weiß. Gut und Böse liegen oft näher beieinander, als wir denken, als uns lieb ist. Wir hören den Predigttext, Römer 12, 17-21.
(Lesung des Predigttextes)
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Ein ganz kurzer Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom. Der Brief stammt aus dem Jahr 56 nach Christus und ist an mehrere Hausgemeinden in Rom gerichtet. Paulus kennt diese Gemeinden nicht persönlich und stellt sich den Gemeinden als Apostel für die Nichtjuden vor. Er kündigt einen Besuch in Rom an und plant eine Missionsreise. Der Römerbrief ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Apostels. Im ersten Abschnitt des Briefes legt Paulus in mehreren Schritten ausführlich sein Verständnis des Evangeliums dar. Er betont dabei auch, dass das Evangelium Juden und Nichtjuden gleichermaßen gilt. Im zweiten Teil, in dem wir auch unseren Predigttext finden, legt Paulus dar, wie er sich das Verhalten in den christusgläubigen Gemeinden vorstellt. Man sollte den Textabschnitt aber nicht für sich allein lesen. Es braucht den Kontext, in dem er steht – vor allem Vers 9, mit dem wir gestartet sind und welcher den Textabschnitt zusammenhält: „Die Liebe sei ohne Falsch“ oder, vielleicht positiv mit der BasisBibel übersetzt: „[Eure] Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest“. Agape ist die oberste Verhaltensform für christusgläubige Gemeinden. Ohne diese Überschrift wären die Ausführungen in unserem Predigttext und insbesondere das Zitat aus dem Alten Testament „… du wirst feurige Kohlen auf sein [deines Feindes] Haupt häufen…“ leicht missverständlich als eine Anweisung zu passiv-aggressivem Handeln zu verstehen – und das ist so nicht gemeint. Im Gegenteil: Es will uns zu aktivem Verhalten ermutigen. In einer Konfistunde wurde folgender Entwurf für ein Anspiel verfasst:
Morgens vor Schulbeginn. Lisa kommt ins Klassenzimmer. „Hallo Ronja, wie siehst du denn aus? Sind die Klamotten aus der Altkleidersammlung oder was? Ein Deo kannst du dir wohl auch nicht leisten?“ „Lass mich. Ich hab dir nichts gemacht.“ Lisa laut vor der Klasse: „Iiih, Ronja stinkt voll!“ Die ganze Klasse lacht. Zwei Tage später in der großen Pause. Lisa zu einer Mitschülerin: „Pauline, kannst du mir was von deinem Pausenbrot abgeben? Ich hab meins vergessen und kein Geld für den Bäcker dabei.“ „Nein, ich hab nur eins für mich.“ Ronja mischt sich ein, leise und vorsichtig: „Willst du von meinem?“ Lisa zögert erstaunt. „Ja, aber … warum?“ Sie nimmt das angebotene Pausenbrot und hat ein schlechtes Gewissen. „Du, Ronja, das ist mir jetzt voll peinlich, dass ich so arschig war und du jetzt so nett bist …“ Ronja grinst sie an und denkt bei sich: „Ist doch ganz gut, dass wir als Konfis immer wieder in die Kirche müssen. Sonst hätt ich bestimmt nicht ausprobiert, was unsere Pfarrerin neulich erzählt hat: ‚Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf anhäufst.‘ Hat ja prima funktioniert!“
Jesus Christus durchbricht selbst das Gesetz der Rache. Jesus ersetzt Vergeltung, ersetzt Rache durch Vergebung. Petrus formuliert es in seinem Brief so: „Er wurde beschimpft, aber er gab es nicht zurück. Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung. Vielmehr übergab er seine Sache dem gerechten Richter.“ Vor diesem Hintergrund sagt Paulus den Christen in Rom: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Wie leicht passiert es, dass wir verletzt werden oder selbst andere verletzen – mit einem unbedachten Wort, einer kleinen Geste. Die Überwindung dieser Verletzung erfordert Mut und Stärke. Aber genau das ist es, was Paulus fordert, wenn er von der Überwindung des Bösen mit Gutem spricht. Wir „wissen“ meist sehr gut, was verwerflich ist, und tun lautstark oder subtil unsere Verachtung kund. Vorsicht vor solchen Urteilen! Denn es gibt niemanden, der ohne Fehler ist, der nicht immer wieder der Großzügigkeit und der Nachsicht bedarf. Einzig Gott ist es, der richten kann. Darum ermutigt Jesus zum Vergeben. Deswegen ermahnt Paulus auch dazu, dass das Gericht alleine Gott gehört. Unsere Aufgabe ist es nicht zu richten.
Unsere Aufgabe ist es, Gutes zu tun, Böses zu überwinden und Frieden zu halten. Auch das ist typisch Paulus: Da mutet er uns ganz schön viel zu! Aber ich bin froh, dass Paulus hier selbst am Anfang schon eine Brücke schlägt: „soviel an euch liegt“. Ich muss nicht die große Welt retten, aber ich kann und soll meinen Beitrag dazu leisten – zum Frieden. Es muss nicht der ganz große Wurf sein, den ich als Einzelner erbringen muss. Ich darf das mir Mögliche beitragen. Aber diesen Beitrag braucht es dann auch! Ich muss bereit sein, auf andere zuzugehen, egal ob ich verletzend war oder verletzt wurde. Ob mir mein Gegenüber sympathisch ist oder nicht – darum geht es nicht, sondern um eine grundsätzliche Einstellung und Bereitschaft. Das mag angesichts der aktuellen Weltlage, eines immer noch anhaltenden Krieges in der Ukraine und den weiteren Krisenherden nach einer Unmöglichkeit klingen. Aber wieso nicht einfach mal auf meinen Nachbarn zugehen, auf den nervigen Bruder oder auf die Freundin, mit der ich seit Jahren aus gutem Grund nicht mehr rede?
Das Leben auf unserem Planeten braucht diese Grenzüberschreitungen, die die Dinge nicht so lassen, wie sie sind. Es braucht den Schritt auf den anderen zu, gleich wer er ist. Es braucht die Einsicht, dass selbst mein Feind nur mein Mitmensch und Nächster ist.